Die Frage, wie Pflegebedürftige in Deutschland – Ende 2023 waren es 5,7 Millionen Menschen – am besten versorgt werden können, ist angesichts des demografischen Wandels von zentraler Bedeutung. In vielen europäischen Ländern existieren unterschiedliche Modelle der Seniorenpflege, die wertvolle Ansätze für die deutsche Pflegepolitik bieten. Ein Blick auf die Pflegepraktiken in Skandinavien, den Niederlanden und Südeuropa zeigt, wie flexibel und individuell Pflege gestaltet werden kann – und welche Lehren Deutschland daraus ziehen kann.

Skandinavien: Ein Modell für Inklusion und soziale Integration
In den skandinavischen Ländern Schweden, Norwegen und Dänemark wird die Pflege älterer Menschen als Gemeinschaftsaufgabe verstanden. Dabei steht der Erhalt der Lebensqualität durch eine möglichst lange Betreuung im vertrauten häuslichen Umfeld im Vordergrund. Pflegekräfte arbeiten hier nicht nur im medizinischen Bereich, sondern übernehmen auch eine soziale Rolle. Sie schaffen eine Brücke zwischen den Pflegebedürftigen und ihrer Umgebung, was den Betroffenen eine selbstbestimmte Lebensweise ermöglicht.
Die Unterstützung durch professionelle Pflegekräfte wird oft durch die Hilfe der Familie ergänzt. In vielen Fällen sind es die Kinder, die regelmäßig für ihre Eltern sorgen und die Pflegekräfte bei ihrer Arbeit unterstützen. Dieses Modell hat sich besonders in städtischen Gebieten bewährt, in denen eine gute Infrastruktur und ein hohes Maß an Sozialverpflichtung bestehen.
Wichtige Merkmale der skandinavischen Pflege:
- Pflege im häuslichen Umfeld bleibt die bevorzugte Option.
- Enge Zusammenarbeit zwischen Pflegekräften und Angehörigen.
- Soziale Integration und Unterstützung durch regelmäßige Kontakte.
Die tatsächliche Umsetzung in städtischen und ländlichen Gebieten kann natürlich variieren. Auch hier gibt es Herausforderungen im Kontext der Faktoren Ressourcen und Unterstützung durch die Familie.
Lernpotenzial für Deutschland:
- Die stärkere Einbeziehung der Familie und die Förderung von häuslicher Pflege könnten die Pflege in Deutschland optimieren.
- Insbesondere in städtischen Regionen, in denen die häusliche Pflege gut organisiert werden kann.
Die Niederlande: Ein innovatives Pflegekonzept
In den Niederlanden hat sich das Konzept der 24-Stunden-Pflege etabliert. Hierbei handelt es sich um eine Form der Betreuung, die es älteren Menschen ermöglicht, rund um die Uhr in ihrem eigenen Zuhause versorgt zu werden. Die Pflegekräfte kommen entweder täglich oder auf Abruf, je nach den Anforderungen des Pflegebedürftigen. Diese Flexibilität trägt wesentlich dazu bei, die Lebensqualität der älteren Generation zu erhalten, während gleichzeitig professionelle Hilfe gewährleistet wird.
Ein weiterer Vorteil des niederländischen Systems ist die Möglichkeit, Pflegekräfte nach individuellen Bedürfnissen auszuwählen. Nicht nur hinsichtlich ihrer Qualifikationen, sondern auch in Bezug auf kulturelle Hintergründe und persönliche Vorlieben. Dies führt zu einer sehr persönlichen Pflege, die den Wünschen der Betroffenen gerecht wird.
Merkmale der niederländischen Pflege:
- 24-Stunden-Pflege als bewährtes Modell.
- Flexibilität in der Auswahl von Pflegekräften.
- Hohe Individualität und Personalisierung der Pflege.
Der Zugang zu diesen Pflegeangeboten ist allerdings nicht immer für alle Menschen im gleichen Maße möglich; besonders aufgrund der hohen Kosten und der teils privat organisierten Pflege.
Lernpotenzial für Deutschland:
- Die Einführung flexibler Rund-um-die-Uhr-Modelle könnte besonders für ländliche Regionen in Deutschland von Bedeutung sein, in denen die Versorgung in stationären Einrichtungen oft schwierig ist.
- Ein mögliches Ergebnis: eine stärkere Personalisierung der Pflege zur Verbesserung der Lebensqualität.
Südeuropa: Die Bedeutung der familiären Pflege
In Südeuropa, insbesondere in Ländern wie Spanien, Italien und Griechenland, spielt die Familie eine zentrale Rolle in der Pflege älterer Menschen. Hier wird die Verantwortung für die Pflege oft an die Kinder und andere Verwandte übertragen, die sich intensiv um ihre Eltern kümmern. Professionelle Pflegekräfte werden ergänzend hinzugezogen, vor allem wenn es um die medizinische Versorgung oder spezielle Pflegebedürfnisse geht.
In diesen Ländern existiert eine starke Verbindung zur Familie. Die Pflegebedürftigen können häufig in ihrem eigenen Zuhause wohnen bleiben, da sie von ihren Angehörigen und gelegentlich durch externe Pflegekräfte unterstützt werden. Die familiäre Pflege hat nicht nur eine praktische, sondern auch eine emotionale Dimension, die den älteren Menschen dabei hilft, sich in ihrer gewohnten Umgebung weiterhin wohlzufühlen.
Merkmale der südeuropäischen Pflege:
- Die Pflege erfolgt überwiegend im häuslichen Umfeld.
- Die Familie übernimmt eine tragende Rolle.
- Externe Pflegekräfte ergänzen die häusliche Betreuung, sofern in ausreichender Kapazität verfügbar.
Zu berücksichtigen ist, dass es in einigen Regionen nicht genug professionelle Unterstützung gibt, was zu einer erhöhten Belastung für die Familien führen kann.
Lernpotenzial für Deutschland:
- Die Förderung von Unterstützungsangeboten für pflegende Angehörige könnte auch in Deutschland zu einer besseren Entlastung der Familien führen.
- Ein Modell, das familiäre Verantwortung mit professioneller Unterstützung kombiniert, wäre möglicherweise eine Antwort auf die Herausforderungen der pflegerischen Versorgung.
Gemeinsamkeiten und Unterschiede: Ein europäischer Vergleich
Alle drei Regionen – Skandinavien, die Niederlande und Südeuropa – setzen auf ein Konzept, das die Pflege möglichst nah am Lebensumfeld der Betroffenen sicherstellt. Während Skandinavien besonders auf die Kombination von professioneller Pflege und familiärer Unterstützung setzt, punkten die Niederlande mit flexiblen, individuell gestaltbaren Pflegeangeboten. In Südeuropa hingegen steht die Familie im Zentrum der Pflege, die durch professionelle Hilfe ergänzt wird.

In Deutschland könnte ein hybrides Modell, das Elemente aus allen drei Bereichen vereint, eine Lösung für die Zukunft sein. Das bedeutet, dass neben einer stärkeren Unterstützung für pflegende Angehörige auch innovative Pflegeformen wie die 24-Stunden-Pflege weiter ausgebaut werden würden.
Was kann Deutschland von anderen europäischen Ländern lernen?
Die europäischen Pflegekonzepte bieten wertvolle Ansätze, wie Pflege organisiert und gestaltet werden kann. Der Fokus auf häusliche Unterstützung, die enge Zusammenarbeit mit der Familie und die Möglichkeit zur individuellen Auswahl von Pflegekräften – all diese Modelle haben sich bewährt und könnten in Deutschland weiter etabliert werden.
Bereits in vielen europäischen Ländern wird die 24-Stunden-Pflege als Lösung für eine individuell zugeschnittene Betreuung genutzt. Auch in Deutschland gewinnt dieses Konzept zunehmend an Bedeutung, allerdings gibt es gegenwärtig neben strukturellen Herausforderungen noch keine flächendeckende Umsetzung. Dennoch bietet die 24-Stunden-Pflege die Möglichkeit, dass Pflegebedürftige in ihrem vertrauten Umfeld bleiben können – ohne dabei auf professionelle Unterstützung verzichten zu müssen.