Können Lieferdienste ökologisch sinnvoll sein?

Können Lieferdienste ökologisch sinnvoll sein?

Das Thema Nachhaltigkeit hat längst alle Bereiche des täglichen Lebens erfasst. Inzwischen glaubt über die Hälfte der Bevölkerung in einer Umfrage, dass sie mit ihrem persönlichen Verhalten sehr wohl etwas zum Klima- und Umweltschutz beitragen kann. Unter anderem hat sich das Kaufverhalten geändert. Bevorzugt werden Unternehmen, die selbst nachhaltig wirtschaften. Insbesondere Verpackung und Transport der Produkte spielen dabei eine wichtige Rolle. Umso fragwürdiger erscheint es, dass Lebensmittel-Lieferdienste gerade voll im Trend liegen. Wie passt das mit dem Wunsch nach Nachhaltigkeit und Umweltschutz zusammen? Können Lieferdienste überhaupt ökologisch sinnvoll sein?

Der deutsche Markt war bislang unattraktiv

Bis vor kurzem waren Lebensmittel-Lieferdienste in Deutschland nicht sehr gefragt. Das liegt zum einen daran, dass der deutsche Verbraucher Lebensmittel-Einkäufe meist spontan erledigt. Wer weiß schon, was er morgen essen möchte, auf was er dann wirklich Lust hat? Auf der anderen Seite will man speziell verderbliche Lebensmittel wie Obst und Gemüse oder Fleisch und Wurst ansehen und persönlich auswählen, ehe sie in den Einkaufskorb kommen. Zudem liegt in Deutschland der nächste Lebensmittel-Supermarkt gleich um die Ecke.

Das sind im Kern die Gründe, warum Deutschland bei der Inanspruchnahme von Lebensmittel-Lieferdiensten im europäischen Vergleich das Schlusslicht bildet. Für die großen Lebensmittel-Handelsketten war der deutsche Online-Markt bislang entsprechend unattraktiv. Das ändert sich aber gerade. Immer mehr Anbieter, darunter große, bekannte Namen wie Rewe, Gorillas, Flink, Amazon Fresh oder auch Bringmeister drängen auf den Markt. Eine der größten deutschen Handelsketten meldet für 2021 eine Umsatzsteigerung von 50 Prozent.

Die Vorteile für den Kunden liegen auf der Hand

Bei den meisten Lebensmittel-Lieferdiensten handelt es sich um klassische Online-Supermärkte mit einem breitgefächerten Angebot und individuell buchbaren, bei manchen Anbietern auch kurzfristigen Lieferterminen. Das Sortiment reicht von frischen und haltbaren Lebensmitteln über Tiefkühlprodukte, Getränke, Drogerieartikel, Haushaltswaren bis Haustierbedarf. Meist ist die Auswahl der Produkte sogar größer als im Supermarkt vor Ort. Online besteht außerdem die Möglichkeit, ausführliche Informationen über die Produkte mitzuliefern, was dem Informationsbedürfnis deutscher Kunden sehr entgegenkommt. Diesen Service gibt es im Supermarkt um die Ecke nicht. Und selbst auf Rabatt- und Gutscheinaktionen muss niemand verzichten. Die größten Vorteile für die Verbraucher aber liegen klar auf der Hand: Er stellt seinen Einkauf bequem auf der heimischen Couch zusammen und bekommt die Waren bis an die Haustür geliefert. Das spart enorm viel Zeit, Wege und Tütenschleppen. Die mühevolle Suche nach bestimmten Produkten in den endlos langen Regalreihen entfällt genauso wie das Schlangestehen an der Kasse.

Die Nachteile für den Verbraucher

So vorteilhaft der Online-Einkauf für den Kunden auch sein mag, es gibt natürlich auch Nachteile: In erster Linie kann man die Waren nicht sehen, die man einkauft. Das mag bei verpackten Lebensmitteln kein Problem sein, bei frischen Waren wie Fleisch, Wurst, Obst und Gemüse ist es das aber schon. So kann der Verbraucher nicht sehen, welche Gurke genau er kauft. Er muss sich darauf verlassen, dass nur einwandfreie Ware eingepackt wird. Er kann nur hoffen, dass während des Transportes die Kühlkette eingehalten wird und die Waren frisch und unversehrt ankommen. Außerdem ist er zeitlich gebunden. Zwar kann er einen Liefertermin auswählen, eine genaue Uhrzeit für die Lieferung kann es naturgemäß aber nicht geben. Er ist gezwungen, innerhalb eines bestimmten Zeitraumes auf den Lieferanten zu warten. Und zu guter Letzt kostet der Lieferservice natürlich Geld, es gibt einen Mindestbestellwert und eine Versandkostenpauschale. Darüber hinaus ist er nicht frei in der Auswahl der Lieferdienste. Bislang sind die meisten Lebensmittel-Lieferdienste nicht bundesweit tätig. Sie liefern nur in bestimmten Städten oder Regionen. Das mag mit Blick auf das Sortiment nicht entscheidend sein, beim Mindestbestellwert und den Liefergebühren ist es das aber schon. So reicht der Mindestbestellwert von 1 bis 50 Euro, die Lieferkosten von 1 bis knapp 4 Euro.

Die Nachteile für die Umwelt

Klar ist, dass durch den Online-Kauf, egal ob von Lebensmitteln oder anderen Artikeln, zusätzlicher Verpackungsmüll anfällt. Das ist unvermeidlich. Schließlich sollen die Waren unbeschädigt beim Käufer ankommen. Gerade wenn Lebensmittel transportiert werden, müssen empfindliche Produkte wie Obst und Gemüse oder auch Eier besonders geschützt werden. Für den Transport frischer oder tiefgefrorener Lebensmittel sind zudem besondere Verpackungen und Kühlakkus oder Trockeneis erforderlich. Es entsteht also auf jeden Fall eine Menge mehr Müll. Für das Jahr 2018 meldet das Umweltbundesamt fast 19 Millionen Tonnen Verpackungsmüll, das sind 227,5 Kilogramm pro Kopf. Manche Lieferdienste verwenden für den Transport zum Kunden Papiertüten, nur einige setzen auf Mehrwegboxen. Dabei geht es um Zeit. Die Papiertüte ist vom Fahrer schneller abgeliefert als ein Einkauf, der erst noch aus der Mehrwegbox ausgepackt werden muss, damit sie gleich wieder mitgenommen werden kann. Von der Möglichkeit, eine Mehrwegbox gegen Pfand beim Kunden zu belassen und beim nächsten Einkauf einfach die volle gegen die leere Box zu tauschen, machen nur die wenigsten Lieferdienste Gebrauch.

Geliefert werden die Lebensmittel entweder per Post, wofür nicht nur weiteres Verpackungs- und Füllmaterial benötigt wird, mit firmeneigenen Transportfahrzeugen oder durch Subunternehmer. Der CO2-Ausstoß durch den Transport fällt aber mit Blick auf Nachhaltigkeit nicht ins Gewicht. Schließlich fahren die meisten Kunden auch selbst mit dem Auto zum Einkauf, selbst wenn es nur um die berühmte Ecke ist. Weil bei Lieferdiensten ein Fahrzeug aber gleich mehrere Haushalte beliefert, ist die Ökobilanz für Lieferdienste positiv. Das haben amerikanische Forscher herausgefunden. Eine Fahrt zum Einkaufen von einem Kilometer kann demnach für das Klima genauso schädlich sein, wie die gleiche Menge an Waren tausend Kilometer mit dem Schiff zu transportieren. Es geht um Effizienz. Das Schiff transportiert mehr Waren auf einmal als ein Auto mit einem Einkauf.

Bei der Umweltfreundlichkeit bestimmt der Kunde mit

Auf die Umweltfreundlichkeit bei den Produkten haben Verbraucher einen großen Einfluss. Es liegt an ihnen, einen Lieferdienst zu bevorzugen, der regionale Produkte von landwirtschaftlichen Betrieben, Metzgereien und Produzenten aus der unmittelbaren Umgebung im Sortiment hat. Das garantiert für Frische und Qualität und schont die Umwelt durch kurze Transportwege. Beispiele für Lebensmittel-Lieferdienste mit regionalen Produkten sind unter anderem Bringmeister, Regiocart oder Amazon Fresh, der auch Feinkost und Spezialitäten lokaler Händler anbietet. Wer also nachhaltig leben möchte, muss auf die Bequemlichkeiten eines Lebensmittel-Lieferdienstes nicht verzichten.