Investieren in Staatsanleihen: Rendite zu einem hohen Preis
Wer sein Geld gewinnbringend anlegen möchte, kauft in der Regel Anteile von Unternehmen. Diese investieren das so generierte Kapital und schütten Teile der Rendite an die Aktionäre aus. Staatsanleihen funktionieren im Grunde genauso – nur dass man eben sein Geld nicht Unternehmen aus der Privatwirtschaft, sondern Staaten zur Verfügung stellt.
Ob sich die Investition in Staatsanleihen lohnt, hängt davon ab, in welchem Zustand die Wirtschaft eines Landes ist – und wie viel Luft es noch nach oben gibt. Denn darin bemisst sich im Wesentlichen die Renditeerwartung.
Innerhalb der EU und in vielen westlichen Wirtschaftsnationen sind die Wachstumsraten zur Zeit sehr überschaubar – und ob sich das ändert ist offen. Kritiker sehen den Zenit des kapitalistischen Wachstums bereits überschritten. Ganz anders in vielen der aufstrebenden Wirtschaftsnationen in Asien und Afrika, den so genannten Emerging Markets.
Da sich deren Volkswirtschaften meist auf einem deutlich niedrigeren Niveau bewegen als die unsrigen, haben sie noch viel Luft nach oben, manche Länder erzielen traumhafte jährliche Wachstumsraten von 4, 5 oder noch mehr Prozent. Und um das Wachstum weiter anzukurbeln, brauchen diese Staaten Geld – das sie unter anderem durch die Ausgabe von Staatsanleihen generieren.
Für Anleger ist das verlockend, da sie auch relativ kurzfristig vergleichsweise hohe Anlagegewinne erzielen können, wenn ein Emerging Market wieder mal einen Wachstumssprung macht. Allerdings ist auch das Risiko im Vergleich zu den niedrigen Wachstumsraten im Westen deutlich höher.
Denn nicht wenige der Emerging Markets sind politisch und daher auch wirtschaftlich instabile Länder. So rasant dort das Wachstum steigen kann, so rasant und unerwartet kann es auch wieder fallen. Ein gutes Beispiel ist die Türkei, die lange als ein Musterbeispiel für einen Emerging Market galt.
In den letzten fünfzehn Jahren ist die türkische Wirtschaft – nicht zuletzt mit Hilfe von geliehenem ausländischen Geld – rasant gewachsen. Doch zuletzt hat der unberechenbare und autoritäre Kurs der Regierung Erdogan, der Putschversuch im Jahr 2016 und der Krieg mit den Kurden in Syrien sowie Enteignungen von Unternehmen für viel Verunsicherung gesorgt, so dass Investitionen in dem Land mit immensen Risiken verbunden sind. Das hat dazu geführt, dass von Investitionen in türkische Staatsanleihen aktuell abgeraten wird – obwohl die Wachstumsaussichten langfristig weiterhin gut sind.
Hinzu kommt das moralische Dilemma. Denn man muss davon ausgehen, dass in türkische Staatsanleihen investiertes Geld auch für den Krieg gegen die Kurden und für staatliche Unterdrückungsmaßnahmen gegen Oppositionelle verwendet wird – hinzu kommt die hohe Korruption im Land, von der vor allem die Regierungsclique profitiert.
Und diese Probleme bestehen nicht nur in der Türkei, sondern in vielen Emerging Markets. Es sind oft Länder mit schwachen demokratischen Strukturen, zumindest teilweise autoritären Regierungen und einer problematischen Menschenrechtslage. Dort in Staatsanleihen zu investieren bedeutet immer auch, die für solche Missstände Verantwortlichen direkt zu unterstützen – im Zweifel macht man sich an deren Taten mitschuldig.
Vor dem Kauf von Staatsanleihen sollte man also sehr genau hinsehen und sich fragen, ob man solche Umstände nur um des reinen Profits Willen mit seinem Gewissen vereinbaren kann – oder ob man nicht doch lieber etwas weniger Rendite erzielt, dafür aber mit „sauberen“ Geschäften.