„Deutschland gehen die Fachkräfte aus!“ „Arbeiterlosigkeit statt Arbeitslosigkeit!“ – solche und ähnliche Schlagzeilen lassen sich heute in den Medien immer wieder finden. Sie zeigen einen Trend auf, der aktuell dramatisch ist: 2021 gaben laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ca. zwei Drittel aller Unternehmen an, dass bei ihnen ein Mangel an Fachkräften besteht. Und es kommt noch schlimmer: In den nächsten Jahren gehen die Baby-Boomer in Rente, so dass dem Arbeitsmarkt noch deutlich weniger Fachkräfte zur Verfügung stehen. Genau deshalb sind immer mehr Branchen heute auf Arbeitnehmer aus dem Ausland angewiesen. Doch wo ist diese Abhängigkeit besonders stark? Wir stellen einige Branchen mit ihren Fachkräfte-Problemen etwas genauer vor.
Gastronomie: Restaurants werden auch beim Personal international
Einer der Bereiche mit dem höchsten Anteil an ausländischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist die Gastronomie. Ein Blick in die Küchen hiesiger Restaurants zeigt: Hier wird es international. So zeigen Statistiken, dass mehr als die Hälfte aller Köchinnen und Köche in Deutschland keinen deutschen Pass hat. Hier ist der Arbeitsmarkt also schon lange auf Hilfe von ausländischen Fachkräften angewiesen.
Pflege: Ausländische Fachkräfte sind nicht wegzudenken
Auch in der Pflege sind ausländische Fachkräfte fast schon obligatorisch. Dies gilt besonders für die 24 Stunden Pflege. „Auf entsprechende Stellen bewerben sich im Normalfall kaum heimische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Dafür werden sie bei Fachkräften aus Osteuropa stark nachgefragt.“, erklärt Dennis Küffel, Gründer und Geschäftsführer von Pflegezuhause.info.
In Bezug auf die Gesamtbranche Altenpflege liegt der Anteil der ausländischen Mitarbeiter übrigens nicht so hoch wie gedacht. Laut Bundeagentur für Arbeit haben hier nur ca. 16% aller Beschäftigten keinen deutschen Pass. Mit zunehmenden Fachkräftemangel dürften sich die Gewichtungen in diesem Bereich jedoch weiter verschieben.
Exkurs: Fachkräfteeinwanderungsgesetz
Seit März 2020 ist es für ausländische Fachkräfte (außerhalb der EU) einfacher, in Deutschland Fuß zu fassen und einer Beschäftigung nachzugehen. Somit werden nicht mehr nur Studienabschlüsse, sondern auch Berufsqualifikationen anerkannt werden. Wichtig ist dabei allerdings, dass die Qualifikation im Vergleich zu einer qualifizierten deutschen Berufsausbildung ist. Dies wird vor der Einreise geprüft. Darüber hinaus sind jedoch noch weitere Voraussetzungen zu erfüllen:
- Gute Deutschkenntnisse (mindestens B1)
- Lebensunterhalt muss während der Jobsuche selbst verdient werden
- Nachweis einer Unterkunft und einer Krankenversicherung
- Der Job muss später mindestens 35 Wochenstunden umfassen, sozialversicherungspflichtig sein und die Liebenshaltung abdecken
Deutsche Unternehmen haben zudem die Möglichkeit, geeignete Kandidaten im Zuge des beschleunigten Fachkräfteverfahrens schneller anerkennen zu lassen. Dabei werden Visa sowie auch die berufliche Qualifikation zügiger geprüft.
Fleischindustrie: Ohne Hilfe aus dem Ausland steht alles still
Die Fleischindustrie musste in den letzten Jahren mit einigen Skandalen und negativer Presse kämpfen. Dies lag nicht zuletzt an den schlechten Arbeitsbedingungen in einigen Großbetrieben, die vor allem während der Corona-Krise zutage traten.
Dabei wurde jedoch auch klar: Ohne ausländische Arbeitskräfte stünde die Fleischindustrie still. Von den 31.500 Beschäftigten in diesem Bereich kamen 47% aus dem Ausland.
Die Gründe dafür sind sicherlich vielschichtig. Hier zwei Erklärungsansätze:
- Löhne: Der Konkurrenzkampf in der Branche ist sehr hoch. Aus diesem Grund zahlen die Betriebe oft nur den Mindestlohn oder knapp darüber.
- Arbeitsbedingungen: Die Arbeit in einer Fleischfabrik (schwere Körperliche Arbeit, Schichtbetrieb) gilt als sehr hart. In Verbindung mit den eher niedrigen Löhnen sind Job in diesem Bereich nicht sonderlich attraktiv. Für Arbeitnehmer aus Ländern mit niedrigeren Lebenshaltungskosten oder hoher Arbeitslosigkeit lohnt sich dies unter Umständen eher.
Durch die künftige Verknappung an Arbeitskräften in Deutschland dürfte sich der Arbeitsmarkt in dieser Branche weiter wandeln. Das bedeutet: Der Anteil ausländischer Mitarbeiter in der Fleischindustrie wird weiter ansteigen.
Reinigungskräfte: Fast 40% aller Fachkräften kommen aus dem Ausland
Auch die Reinigungsbranche ist in hohem Maße von Fachkräften aus dem Ausland abhängig. Laut Statistik der Bundesagentur für Arbeit haben 37,4% der Beschäftigten in diesem Bereich keinen deutschen Pass. Auch hier lässt sich festhalten, dass es regelmäßig zu wenige Bewerber für die offenen Stellen gibt. Dabei bietet die Branche durchaus interessante Verdienstmöglichkeiten. Zuletzt ist der Branchenmindestlohn auf 13 Euro pro Stunde gestiegen – spürbar über den gesetzlichen Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde.
Darüber hinaus haben sich die IG Bau sowie der Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks (BIV) auf folgende Regelungen geeinigt:
- Weitere Erhöhung des Branchenmindestlohns zum 1. Januar 2024 auf 13,50 Euro pro Stunde
- Erhöhung des Branchenmindestlohns für Fachkräfte sowie die Glas- und Fassadenreinigung zum 1. Oktober 2022 von aktuell 14,81 Euro auf 16,20 Euro und zum 1. Januar 2024 auf 16,70 Euro pro Stunde
- Steigerung der Ausbildungsvergütung auf 900 Euro, 1.035 Euro und 1.100 Euro (je nach Lehrjahr) pro Monat
Baubranche: Subunternehmer stellen viele ausländische Beschäftigte ein
In der Baubranche liegt die Quote der Beschäftigten ohne deutschen Pass ebenfalls recht hoch. Hier ist allerdings zwischen den einzelnen Sektoren zu unterscheiden, wie die folgenden Zahlen zum Anteil ausländischer Beschäftigter an der Gesamtbelegschaft zeigen:
- Hochbau: 49%
- Aus- und Trockenbau: 48%
- Fassadenbau: 47%
- Und Stahlbetonbau: 43%
Die Branche hat in Bezug auf die Beschäftigung immer wieder mir Problemen zu kämpfen. Dazu gehören:
1. Schwarzarbeit
Schwarzarbeit ist ein großes Problem in der Baubranche. Allein im Jahr 2019 wurden in Deutschland über 10.500 Verfahren wegen Schwarzarbeit eingeleitet – ein Plus von 20% gegenüber dem Vorjahr. Dadurch entstand ein Schaden von insgesamt 364 Millionen Euro. Das Problem: Dem Staat entgehen dadurch Steuern und Sozialabgaben, die in den öffentlichen Haushalten fehlen.
Die Dunkelziffer dürfte jedoch noch viel höher liegen. Die Methoden der Verschleierung von Schwarzarbeit werden immer raffinierter. So existiert mittlerweile eine geschäftliche Infrastruktur für sogenannte „Abdeckrechnungen“. Entsprechende Service-Dienstleister stellen solche Rechnungen aus und zahlen den Rechnungsbetrag anschließend abzüglich einer Provision in bar an den Bauunternehmer zurück, der Arbeiter schwarz beschäftigt.
2. Ausbeutung
Eine weitere problematische Praxis liegt in der Ausbeutung von Flüchtlingen, die auf dem Bau für Hilfsarbeiten angeworben werden. Hier berichtet das Berliner Beratungszentrum für Migration und gute Arbeit von systematischem Lohnbetrug gegenüber Flüchtlingen. Das Vorgehen sieht folgendermaßen aus:
- Es werden Subunternehmen angeworben, die günstige Arbeitskräfte für Hilfsarbeiten suchen
- Die Arbeiter sind oft Flüchtlinge und werden nur für kurze Zeit angeworben
- Sie erhalten nur Teile ihres Lohns oder sogar gar keinen
- Nach kurzer werden die Mitarbeiter entlassen oder gehen von allein
Ein großes Problem liegt hier in der Tatsache, dass Flüchtlinge entweder ihre Rechte nicht kennen oder sich nicht trauen, diese durchzusetzen. Wer die Beratungsstelle kontaktiert, kann dabei jedoch mit Hilfe rechnen. Die dortigen Mitarbeiter:innen kontaktieren die Arbeitgeber, die daraufhin meist bereitwillig zahlen.
Berufskraftfahrer:innen: Immer mehr ausländische Beschäftigte
Mit 23,4% liegt der Anteil ausländischer Arbeitnehmer im Bereich der Berufskraftfahrer:innen ebenfalls recht hoch. Und die Tendenz dürfte hier stark steigend ausfallen. Der Grund dafür: Die Branche leidet unter eklatantem Personalmangel. So können jährlich nur ca. 27.000 neue Beschäftigte gewonnen werden. Da jedoch im Durchschnitt 67.000 Berufskraftfahrer:innen das Rentenalter erreichen und ausscheiden, bleibt eine jährliche Lücke von 40.000.
Die Branche versucht, entsprechend gegenzusteuern. So schlagen die Spitzenverbände der deutschen Bus- und Straßengütertransportbranchen, der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmen (bdo) e.V. und der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) e.V. vor, die Ausbildung zu vereinfachen, um dem Mangel entgegenzuwirken. Dabei stehen folgende Ideen im Raum:
- Verkürzung der Ausbildung: Integration der Berufskraftfahrerqualifikation in die Fahrausbildung
- unkomplizierte Prüfungen: Abnahme der erforderlichen Prüfungen durch zertifizierte Fahrschulen
- Sprachbarrieren abbauen: Anerkennung relevanter Sprachen in der Ausbildung und Prüfung sowie Bereitstellung von Dolmetschern
Die Idee dahinter ist klar: Eine unkomplizierte Ausbildung und eine Abnahme der Prüfung in der jeweiligen Muttersprache der Auszubildenden könnte mehr ausländischen Fachkräfte anlocken. So ließe sich eventuell ein Teil der Personallücke schließen. Auch hier zeigt sich ganz klar: Die Branche wird sich weiter wandeln und mehr Arbeitnehmer ohne deutschen Pass beschäftigen als bisher.
Wo liegen grundsätzlich Hürden für ausländische Fachkräfte?
Der Blick in die Branchen zeigt sehr klar: Deutschland ist auf Fachkräfte aus dem Ausland angewiesen. Trotz der Bemühungen um Talente klafft in vielen Branchen jedoch eine Lücke, die nicht leicht zu füllen ist. Doch worin liegen eigentlich die Hürden für Fachkräfte aus dem Ausland?
Hier die wichtigsten beiden Aspekte im Überblick:
- Abschlüsse: Trotz des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes gibt es immer noch Probleme bei der Anerkennung von fachlichen Berufsabschlüssen. Dies liegt vor allem an der Tatsache, dass die duale Ausbildung in Deutschland in dieser Form weltweit einzigartig ist. Ausländische Fachkräfte haben somit gar nicht die Möglichkeit, einen gleichwertigen Abschluss vorzulegen. Da jedoch eine Novellierung des Gesetzes geplant ist, könnte diese Hürde bald fallen.
- Bürokratie: Aktuell dauern die Verfahren für die Einwanderung und Anerkennung von Abschlüssen noch zu lang. Dies liegt auch an der mangelnden Zusammenarbeit der einzelnen Behörden. Auch hieran möchte die Bundesregierung arbeiten und beispielsweise die Anerkennung von Abschlüssen nach der Einreise vornehmen. Währenddessen könnten die Fachkräfte schon arbeiten und gleichzeitig eventuelle Qualifikationen nachholen.
Ausländische Arbeitskräfte dürften künftig noch gefragter werden
Deutschland spürt mittlerweile den demografischen Wandel auch ganz deutlich auf dem Arbeitsmarkt. Durch den Renteneintritt geburtenstarker Jahrgänge dürfte sich der Fachkräftemangel in den nächsten Jahren zudem noch verschärfen. Somit sind Fachkräfte aus dem Ausland eine der wenigen Möglichkeiten, mit denen sich die Lücken auf dem Arbeitsmarkt schließen lassen. Schon heute gibt es Branchen, die ohne Arbeitskräfte aus dem Ausland nicht mehr funktionieren. Dieser Trend dürfte sich fortsetzen und sollte von der Politik mitgestaltet werden. So lassen sich Wohlstandsverluste vermeiden und die wirtschaftliche Zukunft gestalten.